Micaela Thiesen
Unterrichtet Deutsch in einer Unterkunft

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29. Juni 2018
Autorin: Micaela Thiesen


Nach langjähriger Arbeit als Lehrerin ging ich 2014 in Pension: Nie wieder unterrichten, denn damit hatte ich genug Lebenszeit verbracht, jetzt wollte ich ganz selbstbestimmt den Tag gestalten. Aber manchmal kommt es anders als man denkt. Schon wenige Monate später unterrichtete ich wieder, nur die Schüler waren andere - Frauen und Männer aller Altersstufen: aus Afghanistan, Syrien, dem Irak, Kosovaren, Albaner, Kurden sowie Menschen aus Afrika saßen jetzt vor mir, die sogenannte „Flüchtlingswelle“ nahm gerade Fahrt auf und brachte Menschen aus so vielen Teilen der Welt in meinen Klassenraum.

Gemeinsam mit einer Freundin und weiteren Ehrenamtlichen gestalten wir den Sprachunterricht in einer Wohnunterkunft. Zunächst trennten wir die Teilnehmer nach Geschlecht, das stellte sich aber bald als überflüssig heraus. Muslimische Frauen verstummten nicht im Unterricht, wenn Männer teilnahmen, ganz im Gegenteil, Frauen waren oft engagierter und verlässlicher dabei. Noch oft mussten wir unsere Vorstellungen und Bilder korrigieren, aber der Kontakt mit dem Einzelnen, die Begegnung der Kulturen „auf Augenhöhe“ machte unsere Arbeit spannend und abwechslungsreich.

Zunächst lehrten wir ganz einfach Worte: „Ich heiße Amira. Ich komme aus Syrien. Ich habe drei Kinder …“. Später änderten sich die Bedarfe: Nicht Einführungen in die Sprache, sondern Konversationskurse, private Begegnungen mit Deutschen, Vorbereitungen für Zertifikatsprüfungen stehen jetzt im Vordergrund, ebenso werden die Arbeit mit Schulkindern sowie Alphabetisierungskurse nachgefragt. Für bewegende Momente, Schilderungen, die man fast nicht erträgt, sowie herzliche Beziehungen und fröhliche Stunden im Unterricht bin ich dankbar.

Diese Arbeit hat mich weitergebracht, meinen Horizont erweitert, mir die Einsicht vermittelt, dass es immer der direkte Kontakt ist, der vor schnellen und falschen Einordnungen bewahrt und Freundschaften möglich macht, keinesfalls möchte ich ihn missen.

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